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Anthropologie

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№ 11 (2009)
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Meyers Grosses Konversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1905

[569] Anthropologie (griech.), die Wissenschaft, die den Menschen als eine besondere Gattung der Naturwesen und seine Beziehung zur übrigen lebenden und toten Welt behandelt, somit gleichbedeutend mit der Naturgeschichte der Spezies Mensch im Sinne der Zoologie. A. läßt sich von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus behandeln: von der naturwissenschaftlichen und von der historischen Seite.

I. Gegenstand der naturwissenschaftlichen Betrachtung können entweder die körperlichen Eigenschaften des Menschen sein (physische oder somatische A.) oder die geistig-sozialen Eigenschaften (ethnische A.). a) Die somatische A. beschäftigt sich einmal mit den Eigentümlichkeiten des Menschen im Gegensatze zum Tier, im besondern zu den jenen entwickelungsgeschichtlich zunächst stehenden Familien (zoologische A.), sodann auch mit den verschiedenen Eigentümlichkeiten innerhalb der eignen Spezies, sofern sie durch Geschlecht, Alter, Rasse, Herkunft etc. bedingt werden (eigentliche somatische A.). Besondere Beachtung findet dabei das Verhalten des Skeletts im allgemeinen, des Schädels im besondern, des Gehirns, Haut-, Haar-, Augenbeschaffenheit, das Verhalten der Eingeweide, Muskeln, Sinnesorgane etc., ferner die Proportionsverhältnisse des Körpers, das Wachstum, Vererbung, Atavismus; auch das psychische Verhalten des Menschen, d.h. die Erscheinungen seines intellektuellen und seelischen Wesens, ihre Entwickelung und Fortbildung im Einzelindividuum sind hierhin zu stellen. Vielfach berührt sich das Arbeitsgebiet der somatischen A. mit dem der ethnischen A.-Im engern Rahmen läßt sich noch die rein-anatomische und die biologische Seite des Menschen unterscheiden, ferner eine jede dieser Gruppen wieder unter dem Gesichtspunkte des normalen und des pathologischen Verhaltens betrachten. Somit fallen auch die verschiedenen Mißgeburten und Degenerationsformen (Mikrokephalie) sowie das Verhalten der Entarteten und Verbrecher in den Rahmen der A. (Degenerations- und Kriminalanthropologie).

b) Die geistig-sozialen Erscheinungen des Menschengeschlechts, d.h. das Studium des Menschen[570] in seiner Eigenschaft als Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ist Gegenstand der ethnischen A. Hierher gehören die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, die Rechtsverhältnisse, die technischen und künstlerischen Fertigkeiten, Handel und Gewerbe, die religiösen Anschauungen, die abergläubischen Vorstellungen, Sitten, Gebräuche u.a. der verschiedenen Völker, im besondern der sogen. Naturvölker; auch die Sozialanthropologie dürfte hierhin zu stellen sein. Alled auf die ethnische A. Bezügliche zusammenzutragen, zu ordnen und zu beschreiben, ist Aufgabe der Ethnographie, während die Ethnologie das angesammelte Material verarbeitet und die ihm zu Grunde liegenden Gesetzmäßigkeiten aufzufinden sucht.

II. Die historische A. (Prähistorie) erforscht das erste Auftreten des Menschen auf der Erde, seine Entwickelung aus niedern Formen, die prähistorischen Rassen, die Anfänge und die Weiterentwickelung der Kultur, die verschiedenen Kulturströmungen, die vorgeschichtlichen Perioden, kurz alles, was über die geschichtlichen Aufzeichnungen und schriftlichen Urkunden darüber hinausliegt.

Das Studium der Naturgeschichte des Menschen reicht bis zu den ersten Versuchen menschlichen Geistes überhaupt zurück, aber die wirkliche A. als eigne, von der Naturgeschichte losgetrennte Wissenschaft ist sehr jungen Datums. Zwar haben bereits Aristoteles, Hippokrates, Plinius, Galenus und andre Ärzte des Altertums und Mittelalters gelegentlich in ihren naturwissenschaftlichen Werken den Menschen auch mit berücksichtigt, indessen erst Linné rückte die naturgeschichtliche Behandlung des Menschen mehr in den Vordergrund, indem er in seine Klassifikation des Tierreichs ihn als Homo sapiens in die Gruppe der Primaten einreihte (1755). Eingehender beschäftigten sich darauf mit dem gleichen Thema Daubenton (1764), Blumenbach (1775), Sömmering (1785), Camper (1791) und White (1794). Im J. 1801 erschien das erste Werk über den Menschen von Virey, 1817 die nach weitern Gesichtspunkten angelegte Naturgeschichte des Menschen von Prichard und 1826 die erste Darstellung der menschlichen Rassen von Demoulins. - Die neuen Bahnen der vergleichenden Anatomie und Morphologie, in die der Streit zwischen polygenistischer und monogenistischer Schule die Naturforschung lenkte, brachten es mit sich, daß man fortan seine Aufmerksamkeit vorzüglich der Beschaffenheit des menschlichen Schädels zuwendete. Die Kraniologie wurde ein halbes Jahrhundert lang das maßgebende Prinzip in der A. Die Forschungen von Sandifort, Morton, Carus, Davis und Thurnam, v. Baer, Retzius, Wagner, Huschke, Lucae, Parchappe, Jaquet, Ranke, Virchow und vieler andrer waren grundlegend in dieser Richtung. Leider führte dieser einseitige Ausbau der A. auf Abwege und war geeignet, diese Wissenschaft in Mißkredit zu bringen. Erst in dem letzten Jahrzehnt hat man wieder einsehen gelernt, daß das Studium des Menschen ein recht vielseitiges ist. - Im J. 1859 gründete Broca im Verein mit andern wissenschaftlich bedeutenden Männern in Paris die Societé d'anthropologie de Paris; diesem Beispiel folgten in den andern Hauptstädten Europas sehr bald weitere Gesellschaften mit dem gleichen Ziel: so 1865 in London das Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, 1866 in Moskau, an die Militärärztliche Akademie angegliedert, die Moskauer Anthropologische Gesellschaft, 1868 in Florenz die Società italiana di antropologia, 1869 in Berlin die Berliner Anthropologische Gesellschaft, 1870 in Wien die Wiener Anthropologische Gesellschaft. Andre anthropologische Gesellschaften bestehen in Lyon, Brüssel, Stockholm, München, St. Petersburg, Rom, Mexiko, Washington, Bombay, Sydney etc. Die meisten dieser Gesellschaften geben Verhandlungen (Abhandlungen, Bulletins) heraus. Auf den meisten Hochschulen hat die A. ihre Vertreter gefunden. Preußen besitzt zwei ordentliche Lehrstühle (für somatische A. und Ethnologie), beide in Berlin,

 

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